Hintergrund
Am 4. und 5. Juli soll der Bundesparteitag der AfD in Erfurt stattfinden. Es wird kein gewöhnlicher Parteitag sein. Die AfD repräsentiert eine fundamentale Rechtsverschiebung im politischen Raum, die Grundrechte und demokratische Prinzipien infrage stellt. Zugleich ist ihr Aufstieg nur als Teil von umfassenderen gesellschaftlichen Entwicklungen zu begreifen. Auch in anderen Ländern, die bisher als liberale Demokratien galten, erhalten Kräfte des äußersten rechten Rands großen Zuspruch oder sind bereits an die Herrschaft gelangt – mit dramatischen Folgen für Eingewanderte und Geflüchtete, queere Menschen, Beschäftigtenrechte, den Wohlfahrtsstaat, die Wissenschafts- und Kunstfreiheit, die internationale Friedensordnung und die ökologische Zukunft des Planeten. „Bevor es zu spät ist“, wollen wir mit öffentlicher Wissenschaft dazu beitragen, diese Entwicklung zu begreifen und Antworten auf sie zu finden. Zentral sind dabei die Fragen, wann und weshalb politische Programme und Praktiken von Ausschluss, Gewalt und Freiheitsbeschränkung als faschistisch gelten können, welche gesellschaftlichen Entwicklungen den Trend dorthin bedingen und wie demokratische Kräfte ihn zurückdrängen können.
Wir konzentrieren uns auf die Situation in Deutschland. Die AfD, ihre Strategien und Verbündeten, ihre Erfolge und Hintergründe können sozialwissenschaftlich in verschiedener Weise analysiert werden: als Ausdruck verbreiteter Frustration mit den etablierten Parteien und der liberalen Demokratie, als Äußerung weit verbreiteter autoritärer Einstellungen, als Bedrohung von Minderheiten und Andersdenkenden, Demokratie, freier Öffentlichkeit und Wissenschaft, als Vermittlung zwischen konservativen, rechtsextremen und faschistischen Programmatiken, ja sogar als möglicher Anschluss an die NS-Herrschaft, die in Thüringen einen ihrer Ursprungsorte hatte. Wie genau die Partei und ihr Umfeld einzuordnen sind, werden wir in räumlicher und zeitlicher Nähe zum AfD-Parteitag gemeinsam besprechen. Dazu planen wir Foren zu Migrations-, Geschlechter- und Umweltpolitik, Wahlverhalten und Klassenstrukturen, Faschismustheorien, zivilgesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten, spezifisch ostdeutschen Problemlagen, der Entwicklungsgeschichte des Nationalsozialismus und einigem mehr. Expert*innen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften werden in diese Themen einführen; fünf von ihnen führen sie in einem abschließenden Podiumsgespräch zusammen. Im Anschluss können sich Personen, Initiativen und Gruppen austauschen, die angesichts der Gefährdung von Demokratie und Wissenschaftsfreiheit an der Vernetzung öffentlicher Wissenschaft interessiert sind.
Am Wochenende vom 4.-5. Juli stellen sich verschiedene zivilgesellschaftliche Bündnisse den demokratiegefährdenden Tendenzen in der AfD und der radikalen Rechten entgegen. Das Symposium versteht sich als Beitrag zu dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung.